Dr. Jekyll oder Mr. Hyde? Die 2 Gesichter des Cortisols


 

 

 

Bei vielen Pferdebesitzern schrillen die Alarmglocken, sobald das Wort „Cortison“ erwähnt wird. Sofort geistern Bilder von an Hufrehe oder Cushing erkrankten Pferden durch das schnell erregbare Reitergemüt. Berechtigte Angst oder übertriebene Panikmache?

 

 

 

Cortison und Cortisol – ein und dasselbe?

 

Das vom Tierarzt verordnete Cortison hat zunächst einmal keine Wirkung auf den Organismus. Cortison ist die durch Oxidation inaktivierte Form des Glucocorticoids Cortisol. Cortison wird bei oraler oder intravenöser Aufnahme durch ein bestimmtes Enzym in der Leber zu Cortisol umgewandelt. Wenn von den Nebenwirkungen des Cortisons die Rede ist, geht es genau genommen um die Nebenwirkungen des Cortisols.

 

 

 

Die Entdeckung des Cortisols

 

Die Entdeckung des Cortisols liegt schon eine ganze Weile zurück: 1930 wurde entdeckt, dass Tiere, denen die Nebenniere entfernt wurde, am Leben blieben, wenn ihnen Extrakte der Nebennierenrinde verabreicht wurden. Ohne diese Extrakte war kein Überleben möglich. In den nächsten Jahren beschäftigten sich einige Arbeitsgruppen mit dem Steroidhormon der Nebennierenrinde, das offensichtlich so große Auswirkungen auf den Organismus hatte. Während des 2. Weltkrieges gelang zum ersten Mal die synthetische Herstellung von Cortison. 1948 injizierte der Mediziner Philip Hench einer Patientin mit schwerem Rheuma Cortison, die daraufhin schmerfrei war. Ein wegweisender Therapieansatz, für den die Forschungsgruppe 1950 „für ihre Entdeckungen bei den Hormonen der Nebennierenrinde, ihrer Struktur und biologischer Wirkung“ den Nobelpreis erhielten. Hört sich doch alles ganz gut an, warum dann diese Aufregung?

 

 

 

Was macht Cortisol im Pferdekörper?

 

Um die Bedeutung von Cortisol einschätzen zu können, müssen wir uns zunächst ansehen, was Cortisol genau ist und wofür es vom (Pferde-)Körper benötigt wird.

 

Cortisol wird umgangssprachlich auch als Stresshormon bezeichnet. Stress ist evolutionsbiologisch gesehen für das Pferd überlebensnotwendig. Tritt eine gefährliche Situation ein, schaltet der Pferdeorganismus in den Überlebensmodus „fight or flight“. Eine in Gang gesetzte Hormonkaskade sorgt blitzschnell dafür, dass alle zur Flucht benötigten Körperfunktionen aktiviert werden. Zunächst wird Adrenalin ausgeschüttet, was zu einer Herzfrequenzsteigerung und einer Bronchialerweiterung führt. Blut wird vermehrt in die Skelettmuskulatur transportiert, um dem Pferd eine schnelle Flucht zu ermöglichen. Dieser Mechanismus spielt evolutionsgeschichtlich eine entscheidende Rolle, schützt er doch das Fluchttier vor dem Gefressen werden durch Raubtiere. Eine Flucht benötigt Energie, und hier kommt das Cortisol ins Spiel. Einige Zeit nach der Adrenalinausschüttung, die den Pferdekörper in Alarmbereitschaft versetzt, kommt es zur Cortisolfreisetzung. Über abbauende Stoffwechselvorgänge werden dem Pferdekörper energiereiche Verbindungen zur Verfügung gestellt, die zur Bewältigung des Stressauslösers benötigt werden. Aber auch für andere Vorgänge im Körper ist Cortisol lebensnotwendig. Ohne Cortisol würden weder wir noch unser Pferd morgens in die Gänge kommen. Cortisol regelt den Blutdruck, abbauende Prozesse wie Blutzuckerproduktion, Eiweißabbau und Fettverbrennung. Außerdem wirkt es stark entzündungshemmend und sorgt somit dafür, dass sich kleine Entzündungsherde nicht im Körper ausbreiten. Woher kommt also das Negativimage des lebensnotwendigen Stresshormons?

 

 

 

Dauerstress führt zu Cortisolanhäufung

 

Im gesunden Pferd übernehmen Regelkreisläufe die Steuerung der Cortisolproduktion und sorgen so dafür, dass dem Pferdekörper genau die richtige Menge an benötigtem Cortisol zur Verfügung gestellt wird. Leider ist der Regelkreislauf in dem Moment störungsanfällig, wenn das Pferd zu viel Stress ausgesetzt wird.

 

Im Laufe der Jahre hat sich die Stressart, mit der das Pferd konfrontiert wird, verändert. War es früher überwiegend physischem Stress durch Flucht vor Raubtieren ausgesetzt, erleidet es heute eher emotionalen Stress. Der Körper ist nicht in der Lage, zwischen physischem und psychischem Stress zu differenzieren und antwortet auf Stress mit vermehrter Cortisolausschüttung. Bei dauerhaftem Stress kommt es zu andauernder Cortisolausschüttung, was zu einer Cortisolanreicherung führt. Dies kann zum Teil schwerwiegende gesundheitliche Probleme zur Folge haben. Was dem Pferdebesitzer relativ häufig an unangenehmen Begleiterscheinungen eines chronisch erhöhten Cortisolspiegels begegnet, sind Magenprobleme seines Pferdes. Cortisol wirkt im Pferdemagen gleich auf 2 Stellschrauben ein: zum einen wird die Magensäureproduktion erhöht, zum anderen wird durch verminderte Durchblutung der Magenschleimhaut gleichzeitig weniger schützender Magenschleim gebildet. Hier kann es schnell zu schmerzhaften Magengeschwüren kommen, die häufig eine kostenintensive Behandlung nach sich ziehen. Ein weiterer Effekt zu hoher Cortisolkonzentrationen ist, dass alle Körperfunktionen, die nicht der unmittelbaren Stressbewältigung dienen, erst einmal hinten angestellt werden. Dies betrifft vor allem das Immunsystem, das heruntergefahren wird. Dauerhaft gestresste Pferde sind daher wesentlich anfälliger für Infektionen, im schlimmsten Fall können chronisch erhöhte Cortisolspiegel zu Autoimmunerkrankungen führen. Weiterhin kann eine andauernde Cortisolausschüttung zu Knochendichteveränderungen führen, da durch verminderte Calciumaufnahme und-verwertung Knochenstoffwechselstörungen hervorgerufen werden können. Auch der Muskelaufbau ist betroffen. Ein dauerhaft gestresstes Pferd wird schwer Muskulatur aufbauen können, da Aminosäuren nicht optimal verwertet werden können. Ebenfalls nicht gerade gesund ist der durch erhöhte Cortisonspiegel ausgelöste Blutdruckanstieg, da Cortisol zu einer Gefäßverengung führt. Was dem Pferdebesitzer häufig ins Auge springt, sind angelaufene Pferdebeine. Hier kommt es durch die sog. antidiuretische Wirkung zu Wassereinlagerungen, da durch vermehrte Natriumeinlagerung mehr Wasser gebunden wird. Alles in allem nicht gerade schöne Begleiterscheinungen!

 

 

 

Die gute Nachricht: Stress ist häufig hausgemacht!

 

Hier gilt es, sein Pferd genau zu beobachten und herauszufinden, was ihm Stress verursacht. Dabei kann Stress unterschiedliche Gründe haben: ein ungeschickter Reiter, unpassende Ausrüstung, nicht artgerechte Haltung, Schmerzen, Hierarchie in der Herde, ein ungeliebter Boxennachbar, Futterneid, Überforderung im Training, Transport- und Turnierstress – die Liste der Stressauslöser ist beliebig erweiterbar. Nicht immer lässt sich Stress völlig abstellen, jeder Pferdebesitzer kann jedoch einiges tun, um seinem Pferd zu helfen, Stresssituationen besser bewältigen zu können. Wichtig ist es, sich selbst und den Umgang mit seinem Pferd ständig zu hinterfragen. Denn oft ist es vielleicht erst einmal gar nicht so offensichtlich, dass das Pferd Stress hat. Es scheint unwillig, dabei sind durch chronisch erhöhte Cortisolspiegel Stoffwechselvorgänge im Gang, die es dem Pferd in diesem Moment gar nicht möglich machen, ein bestimmtes erwünschtes Verhalten zu zeigen.

 

 

 

Was hilft Pferden dabei, ein möglichst stressfreies Leben führen zu können?

 

Eine möglichst artgerechte Haltung mit ausreichend Heu, genügend Platz und Bewegung und Sozialkontakt zu Artgenossen können dabei schon weiter helfen. Forscher haben herausgefunden, dass sich Licht und frische Luft ebenfalls positiv auf die Regulation des Cortisolspiegels auswirkt. Auch Ruhe und Schlaf haben darauf Einfluss. Publikumswirksame Late-Night-Springen mögen für Zuschauer ihren Reiz haben. Für den Cortisolspiegel, der einer circadianen Rhythmik unterliegt, katastrophal. Übergewichtige Pferde bilden mehr Cortisol in Stresssituationen und neigen zu höheren Cortisolspiegeln als normalgewichtige Pferde.

 

 Insgesamt ist es notwendig, sich mit den Bedürfnissen des eigenen Pferdes auseinanderzusetzen. Letztendlich liegt es in unserer Hand, unser Pferd auf seinem eigenen Level abzuholen. Das eine macht ganz gerne einen Ausflug aufs Turnier, für ein anderes bedeutet schon die Trennung von seiner Herde oder das Erlernen einer neuen Lektion Stress.

 

 

 

Omeprazol, Magnesium & Co

 

Nicht immer lässt sich Stress völlig vermeiden, aber es gibt Wege, dem Pferd zumindest zu helfen, einen Stressauslöser besser zu bewältigen. Wie bereits erwähnt, helfen Regelkreisläufe dabei, den Cortisolspiegel zu regulieren. Ist der Stressauslöser nicht mehr aktuell, wird auch die Cortisolproduktion gedrosselt. D.h., das Pferd kann auf einem Turnier durchaus Stress empfinden, zu Hause in seiner Herde ist das Stresslevel wieder auf normalem Niveau. Das Pferd wird von einem Turnierbesuch keinen Dauerstress erleiden und hiervon Schaden nehmen. Allerdings kann sich Stress sehr schnell auf den empfindlichen Pferdemagen auswirken, da das Pferd im Gegensatz zum Menschen kontinuierlich Magensäure produziert und sich eine durch Cortisolanstieg verursachte Minderdurchblutung der Magenschleimhaut unmittelbar auswirkt. Die Magenschleimhaut produziert weniger Magenschleim und wird daher leichter von der aggressiven Magensäure angegriffen. Daher kann es sinnvoll sein, bei empfindlichen Pferden einen Magenschutz zuzufüttern. Hier gibt es zum einen die Möglichkeit, die Protonenpumpen zu blockieren und damit die Magensäureproduktion zu verringern (Omeprazol) oder Präparate zu füttern, die die Magenwand mit Schleimstoffen auskleiden. Beide Möglichkeiten sind effektiv, welche dem eigenen Pferd besser hilft, muss man ausprobieren. Gegen nervliche Belastung hat sich die Gabe von flüssigem Magnesium bewährt, vor allem in Kombination mit Tryptophan. Auch grüner Tee kann gestressten Pferden zu mehr Gelassenheit verhelfen. Während alle gängigen Magenpräparate und Magnesium dopingfrei sind, muss bei Tryptophan und grünem Tee eine Karenzzeit beachtet werden.

 

 

 

Cortison in der Veterinärmedizin

 

Googelt man „Cortison“ und „Pferd“, findet man eine Schreckensnachricht nach der anderen, was Cortison beim Pferd alles anrichtet. Es sollte uns jedoch einen differenzierten Blick wert sein, die Hysterie und Panikmache zu hinterfragen. Ja, Cortison hat Nebenwirkungen und ja, manchmal auch schwerwiegende. Aber trotzdem sollte man bei aller berechtigten Vorsicht seinem Tierarzt vertrauen. Kein Tierarzt wird leichtfertig einfach nur aus einer Laune heraus Cortison verordnen. Cortison hat seine Berechtigung in der Behandlung von Entzündungen, allergischen Erkrankungen der Lunge, anaphylaktischen Reaktionen, Ekzemen und vielem mehr. Viele Erkrankungen können eine Cortisontherapie nötig machen. Ernstzunehmende Nebenwirkungen sind nur bei Dauertherapie zu erwarten, wobei natürlich auch immer eventuelle Vorbelastungen berücksichtigt werden müssen. Besser als ein Forum aufzusuchen, in dem sich jede Menge Halbwahrheiten tummeln, ist es, mit dem Tierarzt seines Vertrauens das Gespräch zu suchen, um Bedenken auszuräumen. Für Zweifel ist er der beste Ansprechpartner, und immerhin wurde für die Entdeckung des Cortisons und seine medizinische Anwendung bereits der Nobelpreis verliehen.

 

 

 

Fazit:

 

Cortisol ist ein lebensnotwendiges Hormon, das im (Pferde)körper zahlreiche Stoffwechselvorgänge steuert. Umgangssprachlich wird Cortisol auch als Stresshormon bezeichnet. Der Cortisolspiegel wird durch Regelkreise reguliert, wobei Dauerstress zu chronisch erhöhten Cortisolspiegeln führt, die ernsthafte Erkrankungen nach sich ziehen können. Das negative Image, mit dem Cortisol behaftet ist, ist genau genommen nicht gerechtfertigt, da meist der Pferdehalter selbst dafür verantwortlich ist, dass sich sein Pferd in einem dauerhaften Stresszustand befindet. Vielleicht sollten wir manchmal ein bisschen mehr an uns selbst arbeiten, als einem kleinen Wunderwerk der Natur die Schuld zu geben.

 

 

 

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